Sie befinden sich hier:   

Presseartikel über unsere Arbeit

Eine ausführliche Zusammenfassung unserer Arbeit von Herrn Jürgen Sperber, Pressesprecher Konzern Stadt Braunschweig, erschienen in der DW- Die Wohnungswirtschaft 2/2015 und in der Weststadt aktuell März/2015:

Eine soziale Rendite fürs Quartier

In Braunschweig finanzieren Stadt und drei Wohnungsunternehmen erfolgreiches Stadtteilmanagement

Foto1 von Karsten Mentasti: (Von links) Oberbürgermeister Ulrich Markurth - hier noch Erster Stadtrat – sowie die Geschäftsführer Rüdiger Warnke, Nibelungen-Wohnbau-GmbH, Joachim Blätz, Baugenossenschaft Wiederaufbau eG, und Rolf Kalleicher, Braunschweiger Baugenossenschaft eG, bei der Vertragsverlängerung für den Verein Stadtteilentwicklung Weststadt im Mai vergangenen Jahres.

Es war keine Selbstverständlichkeit, als ein in Polen geborener Gitarrist der Gruppe „KATiBU’S““ beim Herbstfest in der Braunschweiger Weststadt auftrat und anschließend spontan ein Duett mit einem Musiker der nachfolgenden Band sang - denn die stammte aus Russland. Nur zu oft bringen Migranten die politischen Spannungen ihrer Ursprungsländer mit in ihre neue Heimat Deutschland.

„Dieses Zusammenspiel war der Knaller des Abends und wurde mit viel Beifall bedacht“, erinnert sich Kultursoziologe Michael Lehmann. Zum darauf folgenden Frühlingsfest hatten sie eine eigene Formation gegründet und baten Lehmann als Paten der neuen Band auf die Bühne. „Darüber habe ich mich sehr gefreut“, sagt er. „Die beiden haben allen gezeigt, dass Musik wichtiger ist als Herkunft.“

Lehmann ist Leiter von drei Nachbarschaftstreffpunkten des Vereins Stadtteilentwicklung Weststadt. Er leistet mit sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Integrationsarbeit in einem Stadtteil mit mittlerweile rund 24.000 Einwohnern, der vom typischen Schlafstadt-Stil der 60er und 70er geprägt ist und wenig Rücksicht auf Ansprüche an ein lebendiges Stadtteilleben nimmt. Mehr als die Hälfte der Menschen ist zugewandert, zumeist aus Osteuropa. Damals wie heute gehören viele von ihnen einkommensschwachen und bildungsfernen Bevölkerungsschichten an. Sprachprobleme sind alltäglich.

Ein schlechtes Image des Wohnquartiers, eine hohe Fluktuation und Wohnungsleerstände waren die Folge. Doch die Skepsis gegenüber der Weststadt ist einer neuen Akzeptanz gewichen.

Dieser Wandel ist auch Menschen zu verdanken, die Lehmann und sein Team ehrenamtlich unterstützen. Einige von ihnen sind hoch qualifiziert, aber ihre Berufsabschlüsse sind in Deutschland nicht anerkannt. Sie helfen dem Verein dabei, Krabbel- und Nachhilfegruppen, Konversationskurse in Deutsch oder Gedächtnistraining für die Alten auf die Beine zu stellen – und das ist nur ein kleiner Ausschnitt der Arbeit, die eng verknüpft ist mit dem Engagement von Kirchen, Vereinen und Initiativen.

Der internationale Frauentreff „Cuisine international“ erhielt erst kürzlich den „Gemeinsampreis“ der Braunschweiger Zeitung. In einer Nachbarschaftswerkstatt kann man lernen, einen defekten Toaster oder ein Bügeleisen selbst zu reparieren, damit Geräte mit kleinen Defekten nicht gleich im Hausmüll landen. Als nächstes Projekt ist ein „Haus der Talente“ geplant, in dem jeder zeigen soll, was er kann.

„Selbsthilfe schafft Selbstbewusstsein und trägt dazu bei, mit einem schmalen Haushaltsbudget auszukommen“, sagt Lehmann. „Außerdem erkennt jeder, dass Schrauben überall gleich gedreht werden - in Russland, Polen, der Türkei oder bei uns.“ Alltägliche Begegnungen von Menschen unterschiedlicher Herkunft zeigen, dass man sich eigentlich näher steht, als unterschiedliche Sitten, Sprache und Religion auf den ersten Blick vermuten lassen.

Finanziert wird der seit 2008 bestehende gemeinnützige Verein von der Stadt und drei Wohnungsunternehmen, der Nibelungen-Wohnbau-GmbH, der Braunschweiger Baugenossenschaft eG und der Baugenossenschaft Wiederaufbau eG. Die vier Partner teilen sich die Kosten von jährlich 250.000 Euro für das Stadtteilmanagement.

„Wir müssen uns ständig im Wettbewerb bewähren. Wirtschaftlichkeit und Kostenbewusstsein rangieren da ganz oben“, betont Nibelungen-Wohnbau-Geschäftsführer Rüdiger Warnke. „Dennoch ist es nicht der Jahresüberschuss allein, der den Erfolg unseres Unternehmens ausmacht. Es ist auch die soziale Rendite, die sich einstellt, wenn sich Mieter in unseren Wohnungen wohl fühlen.“

Sein Unternehmen bewirtschaftet 8.000 Immobilien, mehr als 63 Gewerbeobjekten und über 900 Garagen und Einstellplätze. Die Gesellschaft verfügt über ein Anlagevermögen von rund 150 Millionen Euro bei einem Jahresumsatz von rund 41 Millionen Euro. Knapp 2.000 ihrer Wohnungen liegen in der Weststadt.

„Die Wohngebiete aus den 50er, 60er und 70er Jahren energetisch zu sanieren und den Wohnungskomfort an eine älter werdende Gesellschaft anzupassen, zählt zu den aktuellen baulichen Herausforderungen der Wohnungsbauunternehmen“, betont Warnke. „Mit zunehmender kultureller Vielfalt der Kunden werden aber funktionierende Konzepte für ein konfliktfreies Miteinander immer wichtiger. Das stellt sich am ehesten bei einer sozial stabilen Mietergemeinschaft ein. Deshalb fördern wir in Kooperation den Verein Stadtteilentwicklung mit hohem finanziellen Einsatz.“

Foto2 von Uwe Jungherr: Stadtplaner Sascha Werthschulte moderiert die Bürgerbeteiligung am Ilmweg. „Die Menschen leben jetzt gerne dort.“

Mit diesem Konzept empfiehlt sich auch die Nibelungen-Wohnbau-GmbH als ideale Partnerin bei Sanierungsprogrammen. Beim Stadtumbau West etwa, ein mit Städtebaumitteln gefördertes Projekt, bei dem sie sich wie beim Verein Stadtteilentwicklung gemeinsam mit Stadt, Braunschweiger Baugenossenschaft eG und Baugenossenschaft Wiederaufbau eG engagiert, um die Wohnanlage Ilmweg in der Weststadt aufzuwerten. Dort herrschen große Wohnblöcke mit vier bis acht Geschossen vor, in denen sich früher soziale Wärme nur selten einstellte. Rund 10 Prozent seiner 1.400 Bewohner zogen zwischen 2000 und 2006 weg. Mittlerweile sind die Wohnungen wieder komplett belegt.

Der 2009 begonnene und von Bürgerbeteiligung begleitete Stadtumbauprozess ist weit fortgeschritten: Wege sind neu gepflastert und eine neue Beleuchtung installiert. Bald werden Bänke und kleine Spielgeräte aufgebaut und auf einer Rasenfläche zwischen Mehrfamilienhäusern Obstbäume gepflanzt. Auf rund 1800 Quadratmetern entsteht ein Piratenspielplatz für kleine und vis-à-vis auf weiteren 2000 Quadratmetern ein Waldspielplatz für große Kinder.

„Eine so große Beteiligung wie am Ilmweg habe ich noch nie gesehen“, sagte die Landschaftsarchitektin Christine Gottwald aus Berlin, die rund 50 aufmerksamen Anwohnern Anfang Juli vergangenen Jahres die Planung im Auftrag der Stadt erläuterte. „Die gute Resonanz liegt am Stadtmanagement, das über Jahre hinweg den Kontakt zu den Menschen aufgebaut hat.“ Bei Kaffee, Kuchen und Spielaktionen für die Kinder kam Stadtfestatmosphäre auf.

Polizeihauptkommissar Kai-Uwe Bratschke, Kontaktbeamter für die Weststadt, lobt: „Früher gab es hier Leerstand und Kriminalität. Seit der Verein Stadtteilentwicklung aktiv ist, hat sich alles zum Positiven gewendet. Jetzt ist dies ein ganz normales Viertel.“

“Das Quartier ist im Aufwind“, meint der städtische Planer Sascha Werthschulte, der die Bürgerbeteiligung am Ilmweg moderiert. „Die Menschen leben jetzt gerne dort.“

Längst hat sich ein neues Wir-Gefühl entwickelt. Michael Lehmann sagt es so: „Sie können fragen, wen Sie wollen. Wer einmal Fuß gefasst hat, bleibt der Weststadt eng verbunden: Die erste Generation zieht als Mieter ein, die zweite kauft hier eine Eigentumswohnung. Und wenn die dritte ein Eigenheim baut, dann so nah wie möglich an der Weststadt.“